Leopold Hilgarth

Schuhmacher, Eisenbahner. Widerstandskämpfer. Hingerichtet.

* 1894   † 1945

 

Lebenslauf

Leopold Hilgarth wurde am 8.9.1894 in Seewiesen geboren. Er hatte fünf Geschwister, und erlernte den Beruf des Schuhmachers. Leopold Hilgarth war drei Mal verheiratet und Vater von acht Kindern. Er arbeitete bei der Reichspost und ab April 1941 bei der Reichsbahn am Güterbahnhof in Linz.

Leopold Hilgarth trat nach dem ersten Weltkrieg der Sozialdemokratischen Partei Österreichs bei. Ab 1932 war er bis zu deren behördlichem Verbot 1934 Schriftführer der Lokalorganisation Alkoven. Im Jahre 1936 lernte er den Sozialdemokraten N. Neumann aus St. Martin bei Traun kennen, der den "Revolutionären Sozialisten Österreich" angehörte. Nach dem Anschluss Österreichs kam Hilgarth wegen "Aufwiegelei und kommunistischer Einstellung" für fünf Tage in Schutzhaft; er konnte sich aber als Sozialdemokrat eindeutig vom kommunistischen Lager abgrenzen.

Gemeinsamer Widerstand mit Ignaz Schuhmann, Verfasser von Flugblättern

Die Familie Hilgarth besass unweit des Schlosses Hartheim ein Haus. Im Hartheimer Schloss bei Alkoven befand sich damals eine NS-Tötungsanstalt, in der hauptsächlich psychisch Kranke und behinderte Menschen vergast wurden. Die grauenvollen Vorgänge blieben der Familie nicht verborgen.

Leopold Hilgarth kannte Ignaz Schuhmann seit den 1920´er Jahren. Die Schuhmanns hatten ebenfalls ein Haus nahe des Schlosses Hartheim. Hilgarth und Schuhmann tauschten sich bei gemeinsamen Bahnfahrten über die politische Lage aus. Im Sommer des Jahres 1943 beschloss Hilgarth, Flugblätter für die “revolutionären Sozialisten” herzustellen. Schließlich verfasste Hilgarth den Text für die Flugblätter, Schuhmann zeichnete sich für die Produktion der Flugblätter verantwortlich. Insgesamt entstanden vier Flugblätter, die zwischen 1943 und 1944 in einer Auflage von 50 bis 150 Stück u.a. in Linz verteilt worden sind. Unterstützt wurden die beiden von Johann Keppelmüller, der Zugriff auf größere Papiermengen hatte. Zudem beteiligte sich Alois Binder aus Kleinmünchen, bei dem das Abziehmaterial und die Schreibmaschine untergebracht werden konnten.

Verhaftung, Todesurteile gegen Hilgarth und Schuhmann, Hinrichtungen

Die Gestapo hatte bereits im Jänner 1944 von den Vorgängen gewusst. Am 13. Juni 1944 erfolgten die Verhaftungen von Leopold Hilgarth und Ignaz Schuhmann. Beide wurden in das Polizeigefängnis Linz eingeliefert. Bei ihnen zu Hause fanden sich weitere Entwürfe für Flugblätter sowie Schreiben an den Ortsgruppenleiter Schrott. Schließlich wurden auch der Bruder Schuhmanns Karl und sein Vater festgenommen. Der letztlich geständige Johann Keppelmüller, der mittlerweile zur Wehrmacht nach Olmütz eingerückt war, wurde in die Wehrmachtshaftanstalt Linz verbracht.

Am 23. August 1944 kam es zur Anklage durch den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof Wien wegen Hochverrats und Zersetzung der Wehrkraft gegen Leopold Hilgarth, Ignaz Schuhmann, Karl Schuhmann und Johann Keppelmüller. Am 3. November 1944 wurde gegen Leopold Hilgarth und Ignaz Schuhmann das Todesurteil verkündet. Am 9. Jänner 1945 wurden die beiden hingerichtet. Das Urteil gegen Karl Schuhmann wegen Beihilfe lautete auf 10 Jahre Haft. Johann Keppelmüller wurde zu vier Monaten Jugendgefängnis verurteilt, dies galt durch die Untersuchungshaft bereits als verbüßt.

Aus dem Urteil

“Nach dem festgestellten Sachverhalt haben die Angeklagten Ignaz Schuhmann und Hilgarth aus ihrer gemeinsamen, die nationalsozialistische Staatsführung ablehnenden Einstellung heraus und bestärkt durch das Abhören feindlicher Hetzsender bewusst versucht, durch die Verbreitung von Hetzschriften, Hilgarth auch durch Werbungsversuche von Mitgliedern, in den Jahren 1943 und 1944 eine staatsfeindliche Organisation mit dem Ziele des gewaltsamen Sturzes der Regierung aufzubauen.”

Walter Hilgarth über das Denkmal für seinen Vater und Ignaz Schuhmann

Walter Hilgarth freute sich darüber, dass im Jahre 2003 von der Gemeinde Alkoven auf der östlichen Seite nahe des Eingangs zum Schlossgelände für seinen Vater Leopold und dessen Mitstreiter Ignaz Schuhmann ein Denkmal errichtet wurde. Die künstlerische Gestaltung des Denkmals stammt von Herbert Friedl.

"Ignaz Schuhmann stammt ja hier aus dem Haus schräg gegenüber, und beide sind am 9.1.1945 wegen Widerstandes gegen das NS-Regime enthauptet worden, und es freut mich heute, dass es 2002 doch noch geschafft wurde, dass dieses Fallbeil als Mahnmal hier steht und von der Gemeinde Alkhoven gesponsert wurde."

Die beiden Widerstandskämpfer hatten in unmittelbarer Nähe, wo sich nunmehr das Denkmal befindet, 1943 die ersten Schmähschriften mit Kohle auf die Schlossmauer geschrieben: "Österreicher! Hitler hat den Krieg begonnen, Hitlers Sturz wird ihn beenden!"

"Schuhmann und mein Vater haben sich eben getraut, hier vehement, soweit es ihnen möglich war, darauf hinzuweisen, hier hinter diesen Mauern passiert Mord. Sie waren sozusagen die einzigen und haben den Mut gehabt."

Eine Erinnerung von Walter Hilgarth an seine Kindheit in Alkoven

"Und die sind dann auf mich los gegangen und einer hat gemeint, des is eh ein Bua von einem Kriegsverbrecher, hauts en nieder so auf gut Lausbubenart. Und ich hab mir diesen Mitschüler, der um einen Kopf größer war, hab ich vor Wut so verdroschen, dass mich meine Schulfreunde abgehalten haben; weil die Ausdrucksweise meines Mitschülers hat mich gekränkt, das Wort, Sohn eines Kriegsverbrechers, das war fürchterlich."

Walter Hilgarth recherchierte, um auftauchende Fragen in Bezug auf seinen Vater beantworten zu können

Walter Hilgarth fand als Beamter im Bezirksgericht Eferding erste Hinweise:

"Plötzlich hatte ich einen Akt in der Hand: minderjährige Kinder Hilgarth, erst der Walter, das bin ich usw. und da fand ich ein Blatt Papier wo drauf stand was wir zurückerhielten aus dem Wäschebestand meines Vaters, und da war auch die zerbrochene Brille dabei. Das war so: Ich hab mehrmals mit meiner Mutter geredet, was der Papa gesehen hat mit der Brille. Und sie hat wieder alles verworfen, sie hat verschwiegen alles. Als Erinnerungsstück hat sie es aufgehoben. Heut weiß ich was gemeint war, ne. Ich mein, was er wirklich gesehen hat durch die Brilln, nix hat er gesehn, aber eins hat er wahrscheinlich gesehn, ein freies demokratisches Österreich."

1996 kann Walter Hilgarth im Berliner Bundesarchiv erstmals die Gerichtsakte seines Vaters einsehen

"Und hab dann freudig am selben Abend meine Frau angerufen und hab gesagt: Du, jetzt weiß i endlich, i bin Sohn eines Opfers und nicht eines Täters."

Walter Hilgarth ist auf seinen Vater stolz

"Ja, wenn i dran denk, dass bei der Moskauer Deklaration 1943 bereits von den Alliierten ausgehandelt wurde, wenn Österreich nachweisen kann, dass es Personen gibt, die nachweislich gegen das Regime gearbeitet haben, dann wird Österreich nach dem Krieg frei, dann hat er den österreichischen Staatsvertrag mit seiner Sterbeurkunde herbeigeführt. So gesehen bin ich stolz, nicht."

Walter Hilgarth über das “Denkmal Donau” für die Opfer, die in Hartheim getötet wurden

"Hier ist ein Gedenkstein angebracht, der darauf hinweist, dass zwischen 1940 und 1944 etwa 30.000 behinderte Menschen in Hartheim ums Leben gekommen sind. Das Wasser löschte die Spuren, die das Gedächtnis bewahrt."

"Mir ist sicher wichtig, dass hier eine gewisse Aufklärung von Seiten der Gemeinde auch kommt, sie hat ja schlussendlich das Denkmal errichten lassen und dass hier die Bevölkerung von Alkhoven und Hartheim besser aufgeklärt wird."

Walter Hilgarth ließ das Todesurteil gegen seinen Vater aufheben

"Zur Aufhebung des Todesurteils muss ich eines noch sagen, dass heuer im Jahr 2005, im Gedenkjahr, der österreichische Nationalrat ein Gesetz beschlossen hat, wonach alle Urteile gegen Widerstandskämpfer als null und nichtig gelten, jetzt!"

Biografie "Gefesselt/Gefoltert/Enthauptet"

Walter Hilgarth schrieb eine Biographie über seinen Vater. Diese gewährt Einblick in Gerichtsakten. Die Flugblätter sind in ihrer ganzen Länge abgedruckt. Es sind zudem auch viele Erzählungen enthalten. Die Publikation wird durch den General i.R., Hubertus von Trauttenberg, dem früheren Adjutanten von Bundespräsident Thomas Klestil, erläutert.

Durch die Biographie bleiben diese bedeutsamen zeitgeschichtlichen Dokumente der Nachwelt erhalten, und die Erinnerung an Leopold Hilgarth ist bewahrt.

Die Biographie wurde im Jahre 2007 erstmals im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim präsentiert.

Gedenkort

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts findet sich sein Name auf einer der Gedenktafeln.

Die Gedenkstätte auf der Gruppe 40, Zentralfriedhof

Weblinks


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